Aachener Bärin | Domschatz Aachen

Der Aachener Hof der karolingischen Herrscher spielt in der Ausstellung eine wichtige Rolle: Hier wurde der Plan zur Gründung Corveys gefasst, hier fand ein diplomatischer Austausch mit ganz Europa und darüber hinaus statt – unter anderem mit Byzanz, dem oströmischen Reich. Der Hof war das Zentrum der gelehrten Auseinandersetzung mit der Antike und man verstand sich als das „Neue Rom“ nordwärts der Alpen. Die Bärin ist in diesem Sinne als wichtiges Symbol zu verstehen und so erklärt sich wohl auch, dass sie Ende des 18. Jahrhunderts durch Kunstkommissare Napoleons nach Paris „entführt“ wurde. Dabei wurden ihre vorderen Tatzen beschädigt und später durch Wolfspfoten ersetzt. Damals sah man in ihr also eher die Lupa, die Wölfin die Romulus und Remus säugte, die mythischen Gründer der Stadt Rom. Die Geschichte dieser Bären-Skulptur zeigt beispielhaft, wie jede Zeit das antike Erbe umdeutete und fortschrieb – vom Mittelalter über folgende Generationen bis in die Gegenwart.



Ausstellungsabteilung: Die Karolinger und die Antike

Inschriftentafel | Corveyer Westwerk

Die Äbte des Klosters Corvey besaßen weitreichende Verbindungen nach Rom und Byzanz und gehörten zu den Gelehrten des karolingischen Hofs. Sie machten die abgelegene Abtei am Weserbogen zu einem Zentrum der Übermittlung antiker Schrift, Architektur und Wandmalerei. Die Kapitelle der Erdgeschosshalle des erhaltenen Westwerks spiegeln, ebenso wie die Fragmente der ornamentalen Friese, die Formensprache der Antike wider. Am eindrucksvollsten erkennt man dies jedoch in der einzigartigen Inschriftentafel an der Außenfassade, die im 20. Jahrhundert durch eine Kopie ersetzt wurde. Das kostbare Original wird in der Ausstellung zu sehen sein.
Das Westwerk Corvey ist seit 10 Jahren UNESCO Welterbe und dieses zu bewahren ist eine große Herausforderung für das hier arbeitende Expertenteam. Modernste Techniken kommen bei der Erhaltung und Restaurierung sowie bei der Erschließung für Besucherinnen und Besucher zum Einsatz. Multimedial und interaktiv werden die Geschichte des Ortes und das antike Erbe vermittelt.


Ausstellungsabteilung: Civitatem Istam – Klostergründung in Corvey

Die Burse von Enger | Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin

Die mittelalterlichen Klöster waren nicht nur Orte des Gebets und der Schriftlichkeit, sondern auch Zentren technischer Innovationen. Mit außergewöhnlichen Stücken, wie diesem goldenen Reliquiar in Form einer Tasche, zeigt die Ausstellung, wie im Mittelalter antike Handwerkstechniken wiederbelebt wurden. Die kostbare Burse aus dem Dionysius-Schatz des ehemaligen Stifts Enger stammt aus dem 8. Jh. Sie gehört zu den bedeutendsten Werken mittelalterlicher Goldschmiedekunst, die sich aus dem frühen Mittelalter erhalten haben und ist ein Highlight der Ausstellung. Mit ihr verbinden sich neben Fragen der Antikenrezeption auch Legenden. Nach seiner endgültigen Unterwerfung unter die Karolinger soll Sachsenherzog Widukind die Burse als Taufgeschenk von Kaiser Karl dem Großen erhalten haben.

Die Burse wird zurzeit gemeinsam vom Diözesanmuseum Paderborn, dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin und der Ernst von Siemens Kunststiftung für die Ausstellung erforscht und restauriert.

Ausstellungsabteilung: Ausweitung des Wissens in der monastischen Landschaft Westfalens

Odysseus und Skylla | Corveyer Westwerk

Zu den rätselhaftesten Werken im Kloster Corvey gehören Teile des Ausmalungsprogramms mit Geschichten aus der Odyssee. Fragmentarisch hat es sich im Johanneschor des Westwerks aus dem 9. Jh. erhalten. Obwohl die Zeit dieser Malerei stark zugesetzt hat, sind die Abenteuer des Odysseus mit den Sirenen oder mit dem Meeresungeheuer Skylla noch gut erkennbar. Wie hat es diese Erzählung bis ins Mittelalter geschafft? Wie hat sich der antike Stoff, der im alten Griechenland zunächst auch nur mündlich weitergegeben wurde, in den unterschiedlichsten Kulturen verbreitet? Wie kommt es, dass ein Teil eines antiken Heldenepos bis in unsere Tage Synonym für Flucht und Umherirren ist? Diesen Fragen wird die Ausstellung auf unterschiedliche Weise nachgehen. In der letzten Ausstellungsabteilung beschäftigt sich damit auch der renommierte Künstler und Kalligraph Brody Neuenschwander.



Ausstellungsabteilung: Die Karolinger und die Antike

Tacitus Annalen | Biblioteca Medicea Laurenziana

Das mittelalterliche Kloster Corvey war ein Hort des Wissens, bewahrte wichtige christliche Texte, aber auch Schriften antiker Autoren wie Vergil, Sallust, Livius, Plinius oder Ovid. Viele dieser Schriften sind uns heute nur bekannt, weil sie Mönche im Mittelalter kopierten. Die Ausstellung lässt die verlorene Corveyer Bibliothek lebendig werden, in der sich das einzige Exemplar der Annalen des römischen Schriftstellers Tacitus erhalten hatte. Es berichtet von der Niederlage des römischen Feldherrn Varus im Jahr 9 n. Chr. gegen den Cheruskerfürsten Arminius. Nur durch Tacitus ist uns der Teutoburger Wald als Schlachtort bekannt. Im 16. Jh. wurden die Annalen von gelehrten Bücherdieben nach Italien entführt und gelangten in die Hände von Giovanni de‘ Medici, dem späteren Papst Leo X. Der ließ sie drucken, und so verbreiteten sie sich bis in unseren Lateinunterricht. Eine filmische Installation des Künstlers und Kalligraphen Brody Neuenschwander gibt den Besuchenden einen Einblick in den Schaffensprozess der schreibenden Mönche.




Ausstellungsabteilung: Schrift – Sprache – Gelehrsamkeit. Corveyer Bibliothek und Skriptorium

Handschriften | Stiftsbibliothek St. Gallen

Wenn man sich ein Bild von der heute zerstörten Klosterbibliothek in Corvey machen möchte, muss man die Stifsbibliothek im schweizerischen St. Gallen besuchen. Sie ist seit Gründung des Klosters im 8. Jahrhundert bis heute ein Hort der Schriftkultur, des Wissens und der Überlieferung antiker Texte. Astrologen, Philosophen, Poeten der Antike – so einige ihrer Werke sind hier in Abschriften erhalten. Die ältesten Manuskripte stammen aus dem 5. Jahrhundert – zwei von ihnen dürfen in der Ausstellung präsentiert werden: Eines ist das Fragment der Aeneis des Vergil (70–19 v. Chr.). Dieser römische Dichter besang – auf der Grundlage der Odyssee des Homer – das Schicksal des Aeneas. Der floh nach dem Ende des trojanischen Krieges aus der brennenden Stadt, erreichte nach langer Irrfahrt Italien und wurde dort zum Gründervater Roms. Die zweite nach Paderborn entliehene Handschrift zeigt eindrücklich das Schicksal antiker Texte: Abschriften antiker Autoren wurden hier im 8. Jahrhundert „ausradiert“ und mit einem Wörterbuch überschrieben. Man kann heute beide Schriftlagen noch gut erkennen.

Mehr zum Thema auch im Podcast zur Sonderausstellung (aus 2023) „Antike – Römische Literatur im Kloster St. Gallen“ der Stiftsbibliothek St. Gallen


Ausstellungsabteilung: Schrift – Sprache – Gelehrsamkeit. Corveyer Bibliothek und Skriptorium

Podcast zur Sonderausstellung „Antike – Römische Literatur im Kloster St. Gallen

Sarkophag | Musée de La Cour d’Or, Metz

Dieser wunderbar gearbeitete Marmor-Sarkophag aus einer stadtrömischen Werkstatt aus dem Ende des 4. Jahrhundert barg im 9. Jahrhundert den Leichnam Kaiser Ludwigs des Frommen, des Gründers Corveys und Sohn Karls des Großen. Dargestellt ist die Flucht der Israeliten vor dem ägyptischen Pharao durch das rote Meer. Man sieht die Familie Mose, die nach der wunderbaren Teilung des roten Meeres sicher das Ufer erreicht. Das andere Ende stellt die in den Fluten untergehenden Truppen des ägyptischen Königs dar. Miriam, die Schwester Mose, ist am äußersten Rand abgebildet. Ihr Tamborin ist durch ein Kreuzzeichen „christianisiert“ – ähnlich jenem, das Konstantin dem Großen vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Traum erschien und ihm als Zeichen für den Sieg des Christentums über die paganen Religionen galt. In dieser konstantinischen Tradition sahen sich auch die Herrscher des Frankenreichs – wie Karl der Große oder sein Sohn Ludwig der Fromme. Während seiner wechselvollen Geschichte wurde der Sarkophag stark zerstört. Heute wird er im Musée de La Cour d’Or in Metz bewahrt.


Ausstellungsabteilung: Die Karolinger und die Antike

Taufschale Widukinds | Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin

Wie kaum ein anderes Objekt vereint diese Taufschale Legende und antiken Ursprung. Der grüne Serpentin ist ein Werk antiker Steinschneidekunst. Das vergoldete Bronzeband stammt wohl erst aus dem 12. Jh. und trägt die Aufschrift „Mit einer so prächtigen und seltenen Gabe beschenkt uns Afrika“. Bis heute wird sie sagenhaft mit dem „Sachsenherzog“ verbunden. Widukind, der dux saxonum, führte in den Jahren 777 bis 785 den Widerstand gegen Karl den Großen an. Die Sachsen unterlagen den militärisch überlegenen Franken und wurden christianisiert.
Die sogenannte Taufschale stammt, wie die kostbare Burse und das Sirenen-Aquamanile, aus dem „Schatz des Stiftes St. Dionysius in Enger/Herford“. Gemeinsam werden sie heute im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin bewahrt und erforscht. Die Ausstellung fragt auch nach den einstigen politischen Verhältnissen, die zum Vorhandensein so hochrangiger und außergewöhnlicher Objekte in einem kleinen westfälischen Stift führten.


Ausstellungsabteilung: „Ausweitung des Wissens in der monastischen Landschaft Westfalens

Sirenen-Aquamanile | Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin

Aquamanile wurden zu Handwaschungen bei liturgischen Handlungen oder vor Mahlzeiten gereicht. Hier trägt die Sirene einen mit Lilien geschmückten, kronenartigen Kopfreif, ist also bekränzt mit einem christlichen Symbol für Unschuld und Reinheit. In der griechischen Mythologie sind Sirenen Wesen, die durch ihren betörenden Gesang vorbeifahrende Seeleute anlocken, um sie zu töten. So beschreibt es auch der Dichter Homer in der Odyssee. Eine Szene aus seinem antiken Epos ist im erhaltenen karolingischen Westwerk des Klosters Corvey zu finden: Dort zeigen die Reste des Bildprogramms den Kampf des Helden Odysseus mit dem Meeresungeheuer Skylla und einer langhaarigen Sirene – halb Frau, halb Vogel.
Dieses Sirenen-Aquamanile – ein erstrangiges Werk mittelalterlichen Bronzegusses – gehört zum Schatz des Stiftes St. Dionysius in Enger/Herford. Das kleine westfälische Kloster hatte mächtige und großzügige Gönner, die ihm herausragende Werke mittelalterlicher Schatzkunst schenkten, von denen noch weitere in der Ausstellung zu sehen sind.


Ausstellungsabteilung: „I. Wibald von Stablot und die zweite Blüte Corveys“

Elfenbeintafel des irdischen Paradieses | Louvre, Paris

Wichtig für die Überlieferung antiker Objekte ist ihre Wiederverwendung in späteren Jahrhunderten. Kunstvoll gearbeitete antike Elfenbeine wie dieses, die auf ihren Rückseiten Bischofslisten tragen oder Bucheinbände schmücken, zeigen eindrücklich, welchen Wert und welche Relevanz solche Stücke im Mittelalter hatten. Dabei ist das Auftauchen von Stoffen aus der antiken Mythologie nicht überraschend, denn gerade im 9. Jahrhundert studierte man die Werke antiker Dichter und Gelehrter mit großer Begeisterung.

Hier sind neben Adam und Eva tierköpfige Menschengestalten, wilde Tiere, aber auch Sirenen und Zentauren zu sehen. Äußerst kunstfertig gestaltet ist der Rahmen des Elfenbeins mit fein geschnitzten Akanthusblättern, Blumen, Laubsträußen, Vögeln und Vierfüßlern. Der Naturalismus der Tiere, selbst der exotischen, die genauen Details der Ungeheuer und Fabelwesen, die in jedem Punkt klassisch antiken Darstellungen gleichen sowie die elegante Zeichnung des Laubwerks machen die Verschränkung von christlicher Botschaft und Antikenrezeption deutlich.


Ausstellungsabteilung: „Die Karolinger und die Antike“